[Loadstone] FW: Navigationsprojekt für blinde Fußgänger

Gianfranco Giudice g.giudice at balcab.ch
Fri Jun 13 20:08:56 BST 2008


Aus: Heise Online
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Navigationsprojekt für blinde Fußgänger 

Nav4blind[1] entstand ursprünglich durch eine Initiative des Landkreises
Soest. Die treibende Kraft dahinter ist Jörn Peters, einem Mitarbeiter des
Katasteramts in Soest. Das Ziel dieser Gemeinschaft ist ein
Navigationssystem, das genau genug für die Bedürfnisse blinder Fußgänger
ist. Es wird wie bei einem Autonavigationssystem
funktionieren: Der Nutzer gibt ein Ziel an, und das System leitet ihn
dorthin. Nav4blind muss dabei aber wesentlich präziser sein. Bis auf zehn
Zentimeter genau soll es die aktuelle Position des Anwenders bestimmen und
diesen durch exakte Angaben zur Lage von Bürgersteigen, Ampelpfosten,
Fußgängerüberwegen, Hauseingängen, Treppen und gefährlichen Stellen bei der
Suche des Weges unterstützen. Blinde und stark sehbehinderte Menschen sollen
bei ihren Alltagsgängen oder in einer fremden Umgebung in sichere Korridoren
geleitet werden. 

Zudem wird Hintergrundwissen über die aktuelle Umgebung oder einen geplanten
Weg und dessen Ziel abgerufen werden können. Dazu gehören Informationen über
die Fahrpläne des öffentlichen Nahverkehrs oder beispielsweise die auf den
aktuellen Aufenthaltsort bezogene Bereitstellung eines Wikipedia-Artikels zu
einer touristischen Sehenswürdigkeit. Blinden Menschen sollen so neue Wege
eröffnet werden, Informationen über ihre städtischen und natürlichen
Umgebungen zu erhalten und diese über eine Routenführung aktiv kennenlernen
zu können.
Die Entwicklung barrierefrei bedienbarer mobiler Informations- und
Navigationssysteme für blinde und sehbehinderte Menschen verbessert auch die
Benutzerfreundlichkeit für ältere Personen und Mitbürger mit
Konzentrationsproblemen oder Leseschwächen.
So werden neue Möglichkeiten zur gesellschaftlichen und digitalen Teilhabe
eröffnet. die Menschen werden selbstständiger und fühlen sich sicherer. 

Nav4Blind startet als Pilotprojekt in der Innenstadt von Soest, in Bad
Sassendorf sowie am Möhnesee und soll dann auf die ganze Region ausgeweitet
werden.
Nach dieser Projektphase sollen die Ergebnisse bundesweit übertragen und
später auch für ähnliche Projekte im Ausland genutzt werden. Das Konzept
wird in einer breit aufgestellten Public Privat Partnership umgesetzt. 

Um die hohe Ortsgenauigkeit zu erreichen, werden die detailreichen Daten des
amtlichen Liegenschaftskataster-Informationssystems[2] mit den Möglichkeiten
von Mobil- und Lokalisierungstechniken wie dem
Satellitenpositionierungsdienst[3] der deutschen Landesvermessung
kombiniert. Die Ausgabe der Informationen und Hinweise erfolgt akustisch und
taktil. Mit Nav4blind soll die Navigation in Zukunft auch innerhalb von
Gebäuden funktionieren. Zur Ermittlung der genauen Position werden dann RFID
und Funknetze eingesetzt. 

Am 13. Mai wurde die Initiative im Rahmen der Wettbewerbsreihe "365 Orte im
Land der Ideen“ ausgezeichnet. Dieser Wettbewerb gehört zur Kampagne[4]
"Deutschland – Land der Ideen", einer gemeinsamen Image- und
Standortinitiative der deutschen Bundesregierung und Wirtschaft. Das Ziel
der Kampagne ist die Vermittlung eines positiven Deutschlandbildes im In-
und Ausland. Am gleichen Tag fand in Soest paralell zur Preisverleihung die
Veranstaltung "Wie sieht und navigiert ein blinder Mensch“ statt. Dabei
wurden unter anderem neue Technologien für die Fußgängernavigation dieser
Personengruppe präsentiert. 

Mit zu Nav4blind gehören Initiativen und Firmen, die zum Teil gerade erst
gegründet werden. Vor Kurzem hat die im Aufbau befindliche Firma Geo
Mobile[5] ihre Webpräsenz vorgestellt. Drei Mitarbeiter eines
Fraunhofer-Instituts gründeten dieses Start-up-Unternehmen. Am
Gemeinschaftsstand von Siemens C-Lab[6] und Offis[7] wurden ausgewählte
Ergebnisse des EU-Förderprojekts Enabled[8] vorgestellt. Dort konnte man
einen zur taktilen Navigation dienenden Vibrationsgürtel und akustische
Landkarten ausprobieren. Elumo[9] entwickelt die Texterkennungssoftware
mSpeak, die auf Nokias Symbian-Handys läuft. Solche Lösungen sind nicht nur
für blinde Menschen wichtig, sondern können für Analphabeten oder Menschen
mit Leseschwächen ebenfalls sehr hilfreich sein. Das anfänglich iSpeak
genannte Produkt war einer der Preisträger des Gründerwettbewerbs "Mit
Multimedia erfolgreich starten" des Bundesministeriums für Wirtschaft und
Technologie und wurde 2008 auf der CeBIT prämiert. 

Bis die Ziele von Nav4blind realisiert werden können, ist noch viel Arbeit
notwendig. Gemeinsam mit dem Kreis Soest haben weitere Beteiligte einen
Projektantrag für ein Förderprogramm bei der Landesregierung
Nordrhein-Westfalens eingereicht. Falls dieser Antrag positiv beschieden
wird, können die Umsetzungsarbeiten noch in diesem Jahr beginnen. Das System
könnte dann frühestens ab 2010 in Soest voll einsatzbereit sein. Das
Unterprojekt „Guide4Blind – Neue Wege für und mit dem Tourismus für blinde
und stark sehbehinderte Menschen“ wurde am 26. Mai nach einem Wettbewerb
bereits als förderungswürdig anerkannt. 

Das Katasteramt des Landkreises Soest, Siemens C-Lab und Offis beteiligten
sich als Nav4Blind-Mitglieder außerdem erfolgreich am Antrag des
europäischen Förderprojektes Haptimap, das im Herbst 2008 mit insgesamt 13
Partnern starten wird. In diesem Projekt werden Multimodale
Benutzerschnittstellen für Landkarten, standortbezogene Dienste und
Navigationsgeräte entwickelt, die in sechs verschiedenen europäischen
Regionen erprobt werden. Das System soll Menschen mit den
unterschiedlichsten Behinderungen Unterstützung bieten. Dazu muss das
Kartenmaterial mit entsprechenden Informationen angereichert und aufbereitet
werden.

Im Zusammenhang mit Galileo[10] wurde die Navigation für blinde und
sehbehinderte Menschen in den Katalog der Fördermaßnahmen des europäischen
Satellitenprojekts aufgenommen. Durch einen Aktionsplan sollen noch in
diesem Jahr besonders kleinere Unternehmen und Startups in Förderprojekte
einbezogen werden. Die Nav4blind-Gemeinschaft dient der EU dabei als
Ansprechpartner bei fachlichen Fragen. (Per Busch)

(jr[11]/c't) 

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